Geburtsbericht

Von Michelle Abendroth

Vorab möchte ich sagen, dass ich nie eine normale Schwangerschaft hatte. Ich war sehr jung, unerfahren und hatte leider niemanden den ich wirklich fragen konnte. Seit der 20. Woche hatte ich mit vorzeitigen Wehen zu kämpfen und lag deswegen oft im Krankenhaus. Rückblickend betrachtet war es vielleicht gut das ich so oft stationär da war, schließlich hatte ich dadurch früh genug die Lungenreiferspritze bekommen und ich kannte so ziemlich das ganze Krankenhauspersonal, sodass ich schon wusste wen ich mag und wen eher nicht.

 

Spulen wir also schnell vor zum spannenden Teil.

Ich war in der 35. Schwangerschaftswoche und es war ein Montag, um genau zu sein der 17.6.2013. Den ganzen blöden Tag hatte ich mal wieder Schmerzen. Mein Rücken schmerzte als wäre ich 80 und hätte grade allein ein Klavier getragen und mein Bauch zog so stark nach unten, dass ich mich schon fragte ob ich da einen LKW im Körper transportiere.

Nach langem hin und her entschied ich mich dafür ins Krankenhaus zu fahren, also rief ich mir in Seelenruhe ein Taxi, rief meine Mama an und schnappte mir meine Tasche. Im Krankenhaus angekommen wurde direkt ein CTG geschrieben und auf diesem konnte man klar und deutlich meine Wehen erkennen.

Nach 10 Minuten trudelte dann auch meine Mutter ein und leistete mir etwas Gesellschaft und keine 5 Minuten später kam der Arzt zu uns. Er schaute auf das CTG und führte die normalen Untersuchungen durch. Mein Muttermund war geschlossen, die Wehen jedoch schon stark, daher sagte er uns das der Kleine wohl noch diese Nacht kommen würde und sie leider nichts mehr tun können, um das zu verhindern.

Für mich war das ein riesen Schock, schließlich war ich 5 Wochen zu früh dran, doch komischerweise war meine Mutter ziemlich entspannt. Und mit entspannt meine ich, dass sie mir klipp und klar sagte sie fährt jetzt nachhause, um etwas zu essen und morgen um 10 kommt sie mich wieder besuchen. Moment. Hatte der Arzt nicht gesagt das Baby kommt heute Nacht warum kommt sie dann erst morgen früh wieder? Sie soll doch bei der Geburt dabei sein? Ja das waren so Fragen die mich beschäftigten, aber meiner Mutter war es ziemlich egal, im Nachhinein betrachtet muss man wohl sagen, Mütter wissen alles besser, sogar manchmal besser als Ärzte.

In der Nacht passierte nicht wirklich viel, ich war aufgeregt für 10 und fühlte mich super bereit für die Geburt und mein Baby, doch es tat sich einfach nichts und nichts bedeute, dass sogar die Wehen irgendwann einfach nicht mehr da waren. Als meine Mutter dann um 10 kam, durfte sie mich auch sofort nach Hause bringen, denn es war wohl einfach ein Fehlalarm. Um sie zu zitieren: “Ach Maus, das wusste ich gestern schon. Du hattest Wehen und hast mit mir über Witze gelacht, solange du das kannst, passiert da noch nix“. Naja für mich war das nicht so klar wie für meine Mama, schließlich war es mein erstes Kind und die Wehen waren echt schmerzhaft, zumindest dachte ich das da noch.

Den Dienstag passierte dann gar nichts mehr und am Mittwoch ging das ganze Theater wieder von vorne los.

Schmerzen, Schmerzen ach ja hatte ich die Schmerzen schon erwähnt? Und was macht man in so einem Fall? Ganz brav zum Frauenarzt dackeln, ewig rumsitzen bis man dran ist, CTG und Untersuchungen über sich ergehen lassen. Kann ja niemand ahnen, dass das total umsonst ist. Denn praktischerweise war das CTG Gerät von meinem FA einfach kaputt und es hat die vorhandenen Wehen gar nicht messen können, das wusste da nur niemand. Ich wurde also nach Hause geschickt mit dem Befund: Blasenentzündung.

In meinen Augen war das die schlimmste und schmerzhafteste Blasenentzündung der ganzen Welt und ich war jetzt schon verzweifelt, wie ich jemals eine Geburt durchhalten soll, wenn ich jetzt schon so viel mimimi von mir gebe. 

Ich trank also ganz viel Blasentee und war einfach froh, als der Tag vorbei war und ich trotz Schmerzen irgendwie schlafen konnte.

Der Donnerstag lief dann genauso ab. Tee, Schmerzen, noch mehr Tee und irgendwie versuchen zu schlafen.

Freitags fiel mir dann mein komischer Ausfluss auf. Ziemlich wässrig, aber zu wenig, um vom Platzen der Fruchtblase zu kommen. Ich trank also wieder meinen Tee und wälzte mich im Bett hin und her, nahm die mysteriösesten Posen ein, um wenigstens ein paar Minuten die Augen schließen zu können. Ich war einfach nur ausgelaugt und erschöpft. Ich fühlte mich wie gerädert. Der Tag zog sich und an schlafen war gar nicht zu denken. Irgendwann bin ich dann unter die Dusche, in der Hoffnung, wenn ich mir den blöden Duschkopf auf die Blase drücke könnte die Wärme ja irgendwie helfen. Und so saß ich da und wusste nicht einmal, dass man so die echten Wehen von Senkwehen unterscheiden kann.

Tja die Schmerzen gingen nicht weg (ein Zeichen dafür, dass es echte Wehen sind .... was ich leider nicht wusste). Also ging mein Duschtanz los. Rein in die Dusche, wieder raus, wieder rein und wieder raus. Als ich nachts nicht schlafen konnte, schnappte ich mir irgendwann meine Decke und mein Kissen, legte mir alles im Bad zurecht und versuchte zwischen meinen Duschgängen wenigstens etwas zu dösen. Das muss man sich wirklich mal bildlich vorstellen. Da sitzt man Rund wie eine Murmel an die Wand gelehnt, nackt mit seinem Bettzeug im Bad und versucht zu schlafen, springt auf und presst sich den Duschkopf auf die Blase, trocknet sich ab setzt sich wieder so hin und nach ein paar Minuten geht das Spiel von vorne los.

Und so lief das ab Freitag an die ganze Zeit. Ins Krankenhaus wollte ich nicht schließlich war es ja „NUR“ eine Blasenentzündung. Also zog ich das Ganze bis Montag morgen durch. Zwischendurch hatte ich kurz nach diesem komischen Ausfluss gegoogelt und nach dem mir Google sagte es kann Fruchtwasser sein, muss es aber nicht, beschloss ich, dass es kein Fruchtwasser ist.

Die Schmerzen wurden von Tag zu Tag immer schlimmer und am Montag morgen kam es soweit, dass ich mich einfach übergab. Noch dazu kam das Gefühl ich müsste die ganzen Zeit mal groß. Gegen Mittag raffte ich mich dann auf, mit dem Vorsatz den Arzt solange zusammen zu meckern, bis er irgendwas tut und wenn er mir die blöde Blase raus nimmt, ich mein wer brauch sowas denn schon? Da will ich lieber einen Pipibeutel am Bauch.

Wie ihr sicher merkt, konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ganz vernünftig und rational denken, mir war alles egal, Hauptsache es hört auf.

Schnaufend und gekrümmt kam ich also in die Praxis gewatschelt und war froh, dass diese nur ein paar Häuser weiter war. Die Ärztin stand gerade am Empfang und sah mich direkt geschockt an und führte mich in ein Behandlungszimmer. Ich war noch nie so schnell bei einem Arzt dran. Ich habe es nicht mal geschafft meinen Namen zu nennen. Sie legte mich ans CTG und untersuchte mich. Tja Wehen hat er aber nicht aufgeschrieben, doch im gleichen Moment fühlte sie, dass der Muttermund offen ist. Ganze 4cm. Ihr kam das ziemlich spanisch vor ... ich mein offener Muttermund aber keine Wehen? Wie soll das möglich sein. Also holte sie schnell das Gerät aus einem anderen Raum und Tadaaa, da waren sie, klar und deutlich: die riesen Ausschläge der Wehen. Und da fiel es uns wie Schuppen von den Augen, denn das gleiche Gerät hatte anscheinend die Wehen, die ich Mittwochs schon hatte, nicht angezeigt und ich hatte mich die ganzen Tage mit meiner Schein-Blasenentzündung zuhause rumgequält.

Meine Ärztin lies einen Krankenwagen rufen und versuchte mir in der Zwischenzeit zu erklären, was jetzt passiert, mit den einfachen Worten „Herzlichen Glückwunsch ihr Kind kommt“.

Bitte was? Jetzt? Ich war mit meinen Kräften am Ende, ich hatte auf einmal so viel Angst, obwohl ich eine Woche vorher noch dachte, ich wäre so bereit. Aber nix da, dieses Gefühl war jetzt weg. Ich hatte Angst wie es ist, wenn der Kleine da ist, ob ich das alles schaffe und wie zur Hölle ich nach diesen Tagen noch die Geburt schaffen soll. Ich war so überfordert in diesem Moment, dass ich total Frauenklischee mäßig anfing zu diskutierten.

Doch zu sagen „Nein er kommt noch nicht“ hilft leider nicht viel und ich fing einfach an zu weinen. Meine Ärztin blieb die ganze Zeit bei mir, hielt mich, machte mir Mut und fing mich auf.

Als der Krankenwagen kam übernahm diese Aufgabe sofort der Sanitäter. Er lenkte mich ab und versuchte mir Mut zu machen. Im Krankenhaus angekommen wurde ich direkt untersucht und es wurde ein weiterer CTG gemacht. Die Ärzte kontaktierten meine Mutter, doch diese war gerade noch auf der Arbeit in Oberhausen .... 45 Minuten Autofahrt entfernt. Ich war anscheinend so aufgelöst und wirkte so einsam, dass mir der Sanitäter keinen Schritt von der Seite wich. Er rief einen Kollegen an, dass er schnell einspringen muss und hielt mir die Hand bei jeder Untersuchung und jeder Träne die ich vergoss.

Er redete mit mir über alle Ängste die ich hatte und machte mir weiter Mut bis meine Mutter endlich kam und ihn ablöste.

Ich war noch nie einem Menschen so dankbar wie ihm.

Er ist ein erstaunlich hilfsbereiter Mensch und wäre er nicht gewesen, hätte ich mich wahrscheinlich gar nicht beruhigt. Als meinte Mutter kam, war der Muttermund dann schon 9 cm geöffnet. Man brachte mich in den Kreißsaal und ab da an passiert nichts mehr. Wir warteten noch ewig, dass sich dieser 1 cm auch noch öffnet, aber nichts geschah. Also beschlossen die Ärzte ich muss eine PDA bekommen, denn durch die tagelangen Wehen waren meine Kraftreserven gleich null.

Schnell wurde alles vorbereitet und die Spritze gesetzt. Innerhalb einer halben Stunde ging der Muttermund komplett auf, doch die Fruchtblase war fast intakt.

Diese ist wohl schon ein paar Tage vorher eingerissen, also war das zuhause doch Fruchtwasser.

Die Hebamme versuchte die Fruchtblase zu sprengen, jedoch riss sie diese auch nur leicht an.

Als die erste Presswehe kam und ich pressen durfte, brachte ich sie dann mit dem Druck zum Platzen. Ab da an ging alles so schnell. Ich presste, wenn man es sagte und versuchte so gut es geht das Atmen nicht zu vergessen (zum Glück wird man ca. 100 mal ans atmen erinnert). Meine Mutter stand direkt bei mir und sagte mir wie toll ich es mache und ein paar Presswehen später, wurden wir alle für unsere Strapazen belohnt. Mein kleiner Sohn Fynn kam Auf die Welt, zwar 4 Wochen zu früh, aber gesund.

Ich habe ihn direkt in meine Arme bekommen und gestillt. Und wie er da so in meinen Armen lag, fing ich einfach an zu weinen, doch diesmal vor Freude. Alle Ängste waren wie weggeblasen und ich war einfach nur begeistert von meinem bezaubernden kleinen Sohn. Alle Beschwerden der Schwangerschaft und die Woche vor der Geburt waren vergessen, denn es hat sich gelohnt. Mehr als das. Und obwohl ich mir damals sicher war nach dieser Geburt nie wieder Kinder zu wollen, sitze ich jetzt hier 3 ½ Jahre später und bin schwanger mit meinem 2. Sohn. Doch diesmal habe ich weniger Angst, denn diesmal bin ich erfahrener und weiß, dass sich jede Strapaze doppelt und dreifach auszahlt.

Liebe Michelle

Wahnsinn, was eine Aufregung. Und wie toll, dass es dann doch noch eine so"schnelle" Geburt war. 

ich wünsche dir und deiner Familie für die Zukunft alles Gute. und vielleicht lesen wir uns demnächst wieder, wenn dein zweiter Sohn das Licht der Welt erblickt hat.