Geburtsbericht

Geburt am 17.03.2016

.. Lieber Mats,

 

ich erzähle Dir auf diesem Weg wie lang und holprig dein Weg auf die große, kalte Welt war.

 

Natürlich wirst Du einige Details nie erfahren, aber ich widme Dir unseren Geburtsbericht.

 

Deine Geburt wurde am 15.03.2016 eingeleitet, da ein vorher durchgeführter Wehenbelastungstest nicht gut aussah. Deine Herztöne sind bei den Kontraktionen gefallen. Du hast mit Stress auf Wehen reagiert. Dazu kam, dass ich Schwangerschaftsdiabetes hatte und deine Geburt zwei Tage später, am 17.03.2016, deinem errechneten Geburtstermin, sowieso eingeleitet worden wäre.

 

Ich verstehe nicht genau, warum Wehen ausgelöst werden, wenn Du doch mit Stress auf diese reagierst, aber meine Gedanken kreisten sich um alles, aber nicht um irgendwelche Theorien.

 

Ich lag im Krankenhaus und war emotional am Boden. Ich hasse Krankenhäuser. Aufgrund traumatischer Kindheitserfahrungen und enormem Heimweh hasste ich diese Einrichtungen. Ich wollte bei meinem Herzmann sein. Zu Hause.

 

Ich habe jeden Abend als er nach Hause fuhr stundenlang geweint, weil ich wollte, dass er bleibt.

 

Ich bekam am 1. Tag der Einleitung ein viertel einer Misoprostol-Tablette. 12 Stunden Kontraktionen- am nächsten Morgen nichts mehr davon in Sicht. Also bekam ich ein weiteres Viertel und am Nachmittag noch eins.

 

Am Abend saß ich mit deinem Papa im Speiseraum und im Anschluss im Stillzimmer und meine Nerven lagen blank. Nichts ging voran, wieder steht uns der Abschied bevor. Ich habe geweint und konnte mich nicht beruhigen. Als ich mich nach zwei Stunden wieder gefangen hatte, gingen wir in mein Zimmer. Dort lag ich mit zwei wunderbaren Mädels. Ich nenne sie hier "Lisa" und "Anna".

 

Anna hat an dem Tag, also am 16.03.2016 ihre wundervolle Tochter zur Welt gebracht und Lisa war aus anderen gynäkologischen Gründen auf der Station.

 

Anna ist aufgrund von Kreislaufbeschwerden im Zimmer (zum Glück in Anwesenheit der Schwestern) umgekippt und das gab mir den Rest zu all meinen Ängsten, die ich bereits hatte.

 

Ja, ich hatte Angst. Einfach, weil dies ein Erlebnis ist, welches man sich nicht vorstellen kann. Nicht im Geringsten kann man sich Vorstellungen verschaffen, wie so eine Geburt wohl sein wird.

 

Wir haben uns die Intensität des ersten Gefühls versucht vorzustellen. Diese Liebe und Nähe zu Dir, diese Erschöpfung und dieser verdammte Erfolg Dich endlich auf der Brust liegen zu haben. Dieses Gefühl durfte ich nie spüren. Dazu aber später mehr.

 

An dem besagten Abend, an dem ich unglaublich viel weinen musste saß ich auf meinem Bett, dein Papa blieb noch die letzten 5 Minuten bis er nach Hause fuhr und dann spürte ich ein ganz seltsames "Plopp" in meinem Unterleib. Ich habe mir auf dieses Gefühl nicht viel eingebildet, da ich doch sowieso nur auf ein Zeichen wartete. Ein paar Sekunden später stand ich auf, weil ich zur Toilette musste. Ich spürte, wie etwas "lief". Ich dachte, ich verliere durch den Druck auf die Blase ein wenig Urin, doch es wurde mehr. So stand ich mitten im Zimmer, im "Kreis" von drei Leuten und sagte nur "Scheiße, ich glaube meine Fruchtblase ist geplatzt". Es war 21:20 Uhr. Lisa sagte "Joa, wenn es nicht aufhört zu laufen und du es nicht halten kannst, dann wird das wohl so sein." Ja, dieser Moment war tatsächlich witzig. Das Gefühl, welches ich verspürte ist kaum in Worte zu fassen. Es war ein Moment voller Freude, wie an Weihnachten, voller Aufregung, wie vor der Führerscheinprüfung, voller Angst vor dem, was jetzt kommt. Berechtigt.

 

Ich ging ins Badezimmer um mich auszuziehen und es lief LITERWEISE! aus mir raus. Das Fruchtwasser hatte zum Glück eine Farbe, die es haben darf. Mir wurden Einlagen und ein hübscher (haha) Netzschlüppi gegeben. Bis ich überhaupt dazu kam mir diesen anzuziehen, vergingen 5 Minuten, da das Fruchtwasser ungestoppt rauslief. Die Schwester reinigte währenddessen den Boden. Man war das ein unangenehmer Moment. Als ich mich endlich anziehen konnte ist dein Papa nach Hause gefahren. Der Hund musste nochmal raus. Ich wurde in meinem Bett ans CTG angeschlossen und dann fingen sie an: die Wehen! Ich habe so oft bei Google geschaut "Wie fühlen sich Wehen an?, wann sind es richtige Wehen?, merke ich echte Wehen?" Verdammte Scheiße ja! Ihr merkt richtige Wehen! Ich hatte einen Wehensturm und diesen wünsche ich keinem. Das CTG zeichnete nichts auf und ich konnte mich nicht mehr halten, mich nicht bewegen. Ich hatte Schmerzen. Ich habe deinem Papa unzählige Nachrichten bei Whatsapp geschrieben, er solle sich beeilen, ich brauche ihn, ich habe Schmerzen, ich habe Angst, denn das war erst der Anfang.

 

Die Hebamme sagte, ich soll in einer Wehenpause zum Kreißsaal kommen. Gesagt, getan. Ich brauchte über 5 Minuten für einen Weg, den ich vorher in 30 Sekunden zurücklegte.

 

Ich habe mich aufs Kreißsaalbett gelegt und ab dann hatte sich die Lage etwas beruhigt. Dein Papa war wieder da, die Wehen wurden dank eines Schmerztropfes erträglicher. Ich habe viele tolle Gespräche mit meiner Hebamme und deinem Papa geführt. Es war eine warme Atmosphäre und unsere Blicke sagten sich gegenseitig:" Weißt du wo wir hier sind? Es ist bald soweit!!!"

 

Wir waren unglaublich aufgeregt.

 

Nach ungefähr 2 Stunden wurde ich vaginal untersucht. Der Muttermund war 2cm geöffnet. Für mich brach eine Welt zusammen. So angenehm es auch war, aber es wird sich noch um Stunden handeln, bis du endlich da bist.

 

Ich bekam plötzlich immer schlimmere Wehen und war in den Wehenpausen so erschöpft, dass ich einschlief. Doch auch das war nicht mehr lange möglich, da ich auch in den Pausen enorme Schmerzen hatte. Ich habe geschrien vor Schmerzen. Ich habe Atemtechniken probiert, die Lagen gewechselt, wurde massiert und mit Wärme behandelt. Nichts hat geholfen.

 

Bei einer weiteren vaginalen Untersuchung hat sich herausgestellt, dass der Muttermund bereits bei 6cm war, dein Köpfchen aber immer noch leicht zu verschieben war.

Die Schmerzen wurden immer schlimmer und ich immer lauter. Ich wollte, dass irgendjemand diesen Raum betritt und sagt "Geschafft, Sie dürfen pressen."… Doch dann kam alles anders.

 

Die Ärztin kam, um sich das Ganze anzuschauen. "Frau Dr. ***, sie hat wahnsinnige Schmerzen. Sie schreit. Aber wenn ich meine Hand auf den Bauch lege merke ich, dass das keine Wehen sind, die sie zum Schreien bringen."

 

Was ich in diesem Moment gedacht habe weiß ich nicht. Ich hatte meine Augen geschlossen und war in meiner eigenen Welt, so seltsam es klingt.

 

Die Ärztin untersuchte mich ein weiteres Mal. Jetzt aber mit dem Ultraschallgerät.

 

"Oh... Ihr Kind hat sich gedreht und ist jetzt ein Sternengucker". Ich fragte mich nur „WANN“? Warum habe ich davon nichts gemerkt? Vorgestern lag er doch noch richtig?"

 

Des weiteren sagte die Ärztin:" Er kommt mit dem Kopf nicht weiter. Ich glaube, er liegt auf einem Knochen. Daher auch der enorme und gemeine Schmerz. Mit jeder Wehe wird er nach unten gedrückt, also dauerhaft auf Ihren Knochen."

 

Ab dann wurde alles versucht, dass Du dich drehst. Ich versuchte den Vierfüßlerstand und dabei musste ich mich vor Schmerz übergeben. Ich habe meinen Scham nicht verloren, so wie es alle sagten. Ich bekam Globolis, damit du dich drehst. Ich sollte verschiedene Lagen probieren. Nichts hat geholfen. Dann spielten deine Herztöne enorm verrückt. Sie waren teilweise bei 50. Schmerzmittel? Nein. Schon nach dem ersten Tropf nicht mehr. Sie sind eine Gefahr für Dich! Ich lag auf der Seite und habe das CTG-Gerät nicht gesehen. Dein Papa schon und seine Blicke machten mich panisch und nervös.

 

Die Ärztin kam erneut rein und sagte zur Hebamme: "Und wenn sie einfach mal presst? Der Muttermund ist offen!" Die Hebamme aber sagte: "Es bringt nichts, er kommt nicht weiter. Gucken Sie sich seine Herztöne an."

 

Ab dann ging alles ganz schnell. Ich spürte die Tränen von deinem Papa auf meiner Wange, die von oben runter tropften. Ich hörte nur noch, wie die Ärztin telefoniert und irgendetwas mit "OP" sagte.

 

Ich muss dazu sagen, dass der Kaiserschnitt NIE ein Thema war. Auch vor der Einleitung sprach keiner mit mir, dass es so weit kommen könnte. Ich selbst habe nicht einmal an diese Option gedacht.

 

Die Ärztin erklärte mir, was jetzt kommt. Ich weiß nichts mehr davon. Ich war durch die Schmerzen wie in Trance. Ich wurde ausgezogen und ein Blasenkatheter wurde mir gelegt.

 

Die Option einer lokalen Betäubung wurde sie erklärt. Dass sie nicht durchzuführen war, wussten wir alle. Warum? Ich hätte 15 Minuten aufrecht und stillsitzen müssen. Ich konnte mich aber nicht mehr bewegen. Nicht mal auf die Seite drehen, gar nichts.

 

Ich wurde zum Fahrstuhl geschoben und muss sagen: Ich habe nichts gefühlt. Nichts außer Schmerz. Dass der Kaiserschnitt das LETZTE war, was ich wollte, das war mir in diesem Moment nicht mehr bewusst.

 

Im Fahrstuhl und im OP bekam ich noch einmal eine wahnsinnige Wehe verbunden mit diesem wahnsinnigen Knochenschmerz. Ich unterschrieb irgendwie irgendwas mit geschlossenen Augen, bekam eine stinkende Maske auf und ab da weiß ich nichts mehr.

 

Als ich wach wurde stand dein Papa neben mir und erzählte mir ganz stolz, dass er Dich schon gebadet hat. Ich brauchte lange um zu verstehen wovon er sprach. Dann sah ich dich. im Flur des Krankenhauses wurdest du kleines, wunderschönes und friedliches Wesen mir auf die Brust gelegt.

 

Allerdings waren wir beide angezogen und ich benebelt, voller Zugänge und Schmerzen.

 

Du wurdest am 17.03.2016 um 04:24Uhr mit 53cm, 3300g und 33cm Kopfumfang auf die Welt geholt.

Ich durfte dich leider erst drei Stunden später kennenlernen.

 

Dein Papa wartete zwei Stunden bis er fragte, wo ich denn bleibe. Erst nach zwei Stunden hat er erfahren, warum ich noch immer IM OP! bin. Dazu später mehr.

 

Auf meinem Zimmer angekommen war ich zu schwach um meine Augen aufzuhalten. Mir ging es richtig schlecht. Du durftest den ganzen Tag bei einer lieben Hebamme im Tragetuch durch ihren Dienst spaziert werden, war das nicht aufregend?

 

Dieser Geburtsbericht ist ehrlich und kein Stück übertrieben. Ich konnte keine Liebe, kein Glück und keine Freude fühlen. Nur Dankbarkeit, dass wir beide diese komplizierte Operation überlebt haben.

 

Im Nachhinein erfuhr ich nämlich, dass meine Gebärmutter sehr weit und fast komplett gerissen ist und ich 1,5l Blut und enorm schneller Zeit verloren habe und alles verdammt schnell gehen musste. So schnell, dass ich jetzt eine Fettrolle am seitlichen Bauch dazugewonnen habe, wo wohl alles reingestopft werden musste was nur ging …

 

Ich hatte tagelang hohes Fieber, welches sich bis heute niemand erklären kann.

 

Dennoch ging irgendwann alles bergauf. Mit viel psychischer und körperlicher Unterstützung von allen Seiten habe ich es auf die Beine geschafft. Du, mein Liebling warst von Anfang an und von Kopf bis Fuß kerngesund. Zum Glück, denn DAS war das Wichtigste für mich! Am 23.03.2016 durften wir endlich nach Hause und so viele Glücksgefühle habe ich in meinem Leben nicht gespürt. Vor Dankbarkeit musste ich die ganze Autofahrt weinen. Ich bin sonst kein Mensch, der schnell weint, müsst ihr wissen.

 

Dein Papa war der Held der gesamten Situation und er hat 500% Prozent gegeben! Während meiner Schwangerschaft, der Geburt und der langen Zeit danach. Noch heute.

 

Leider habe ich noch heute, fast 6 Monate später Schmerzen unterhalb des Bauchnabels und auch psychisch habe ich noch oft mit dem Ereignis zu kämpfen.

 

All das Glück, die Liebe und die Zeit haben wir fleißig nachgeholt und keine Liebe ist stärker als die zu Dir!

 

Ich werde nie wieder in meinem Leben eine Geburt erleben wollen, alleine wegen der Gefahr des erneuten Risses von meinem Gewebe. Dazu aber auch wegen dem traumatischsten Erlebnis, welches Ich in 22 Jahren erlebt habe.

 

Trotzdem weiß ich das Glück zu schätzen, Dich täglich lieben und küssen zu dürfen.

 

Es war unser Weg. Deiner, Papas und meiner. Er hat uns alle ganz stark miteinander verbunden.

 

Ich liebe Dich, Mats.

 

Deine Mama 

Liebe Madleine, ich finde den Brief an deinen Sohn, über seine Geburt, wundervoll. Du, Mats und dein Mann ihr seit eine ganz tolle kleine Familie, der ich alles Gute für die Zukunft wünsche.Danke! 

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